Mrz102010
“Toujours correct”,
Abgelegt in Gesellschaft von virOblationis
pflegte mein Lateinlehrer zu sagen. Auch dem, den man nicht mag, muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Der Islam verfügt gewiß über ein reiches Repertoire an wenig erfreulichen Eigenschaften, doch würde man ihm Unrecht tun, wollte man die sog. Ehrenmorde auf ihn zurückführen. Mag diese Unsitte durch den Islam begünstigt oder zumindest nicht ausgerottet werden. Ihren Ursprung hat sie nicht in ihm.
Zufällig stieß ich vor kurzem auf einen im aramäischen Dialekt von Edessa verfaßten Text, der dem 3. Jahrhundert zuzurechnen sein wird, also etwa vierhundert Jahre älter ist als der Islam. In diesem Text, dem Dialog über das Schicksal* des Bardesanes (geb. 154, gest. 222) werden Gesetze und Bräuche verschiedener Völker angeführt, um damit gegen die von der antiken Astrologie vertretene Lehre eines unausweichlichen Schicksals zu argumentieren.
* Übersetzung Hilgenfeld (1864)
VI. Gesetze der Rakamäer, Edessener und [weiterer] Araber. Bei den Rakamäern, Edessenern und Arabern [anderer Landstriche] wird nicht nur die getötet, welche die Ehe gebrochen hat, sondern auch die, auf der der [bloße] Verdacht des Ehebruches ruht, (v)erwirkt [sich besagte] Strafe.
VIII. Weiter töten im ganzen Orient die Väter und Brüder diejenigen [Weiber], welche öffentlich geschändet werden und bekannt werden, zuweilen zeigen sie auch ihre Gräber nicht …
“Im ganzen Orient … Väter und Brüder … öffentlich geschändet”: Dies klingt doch nicht unbekannt, nicht wahr?
In bestimmten Gegenden scheint im Falle des Ehebruchs nicht einmal die eigene Familie die Tötung vorgenommen zu haben, sondern schon bei Verdacht des Ehebruches töten die Rakamäer etc. die betroffenen Frauen. Dies klingt nach Lynchjustiz.
Einen vergleichbaren Fall schildert das Neue Testament in Joh. 7, 53 – 8, 11, Jesus und
die Ehebrecherin. Dort geht es keineswegs um ein geordnetes Gerichtsverfahren, in dem ein Todesurteil verhängt werden könnte, handeln doch Richter als Teil der Obrigkeit in Vollmacht, die ihnen “von oben” gegeben ist, und so werden sie vor Gott Rechenschaft ablegen müssen in bezug auf ihre Urteile. In Joh. 7, 53ff. ist die Situation eine andere. Dort will ein Lynchmob, angeführt von Schriftgelehrten und Pharisäern (8, 3) eine Frau aus der Stadt schleppen, um sie zu steinigen. Mit Verweis auf Vorschriften des Alten Testaments (Lev. 20, 10) will man den Heiland nötigen, sich daran zu beteiligen. Doch er antwortet nicht, indem er einem Tatzeugen das Recht zuerkennt, den ersten Stein zu werfen, sondern er sagt: “Der Sündlose unter euch werfe als erster einen Stein auf sie.” (8, 7)









