Nov082009
Heimkehr
Abgelegt in Lignum Vitae von Dk-Team um 09:44 am 8 November 2009
Lignum Vitae - Kapitel 2
Am späten Nachmittag kehrte Thomas heim. Laut pochte er an die Tür seines Hauses. Daraufhin vernahm er schlurfende Schritte; dann wurde ihm geöffnet.
„Abdij! Stell dir vor, Timon und ich sind überfallen worden!“
„Herrscher des Himmels!“ Zutiefst erschrocken zuckte der alte Diener zusammen. „Mein Sohn, du bist doch nicht etwa verletzt!“
„Gar nicht“, lachte Thomas und schloß die Tür hinter sich.
„Ja, was ist denn geschehen, Herr?“
„Ach, weißt du, Timon und ich, wir sind aus einem Gasthaus gekommen. Wir mußten zur Hauptstraße durch eine sehr schmale Gasse hindurchgehen. Kaum einen Klafterbreit war sie. An einer Stelle, die man aus der Entfernung nicht einsehen konnte, weil die Gasse dort um mehrere Ecken herum verlief, da warteten zwei Sikamänner auf uns.“„O nein! Man hört immer wieder von solchen Überfällen. Man kann ja froh sein, wenn man nur sein Geld verliert und nicht das Leben. – Sikamänner!“
„Männer ist vielleicht zu viel gesagt.“ Thomas legte sein Himation ab und zog den Chiton über, den der alte Diener mit zur Tür genommen hatte, als es klopfte, weil er seinen Herrn schon erwartete. „Das waren eigentlich noch keine Männer. Aber mit der Sika in der Hand kamen sie sich vor, als wären sie welche. Zwei standen vor uns in der menschenleeren Gasse, zwei folgten uns. Links und rechts fensterlose Häuserrückwände; keine Möglichkeit durch eine Tür zu entwischen.“
„Die hinter euch müssen die beiden anderen irgendwie benachrichtigt haben.“
„Ich glaube, wir sind an drei jungen Männern vorbeigegangen, gleich nachdem wir das Gasthaus verlassen hatten. Ja! Der eine von ihnen drängte sich gleich danach an uns vorbei und eilte davon. Ich habe gar nicht weiter auf das Aussehen dieser drei geachtet, aber es könnten diejenigen gewesen sein, die uns überfallen haben. – Darüber habe ich mit Timon noch gar nicht gesprochen. Wir haben Damarete nur erzählt, wie wir mit den vieren fertig geworden sind; das haben wir natürlich erst getan, nachdem die Kinder das Zimmer verlassen hatten, um zu spielen.“
„Wie seid ihr denn zu zweit mit vieren fertig geworden? Ist Timon auch unverletzt davongekommen?“
„Timon geht es so gut wie mir. – Weißt du, Timon und ich, wir haben schon öfter darüber geredet, wie man sich bei einem Überfall verhalten sollte; nicht nur geredet, wir haben es auch durchgespielt. Es kann ja doch jedem einmal geschehen, daß er Straßenräubern begegnet; und häufig lauern sie einem in engen Gassen auf. Sie halten solche Orte für geeignet.“
„Natürlich, weil ihre Opfer dort kaum entkommen können.“
„So ist es. – Aber laß uns doch hineingehen. Du bringst mir mein Abendbrot, und ich erzähle dir alles, was geschehen ist.“
„Ja, Herr.“
Thomas und sein Diener wollten gerade aus dem Vorraum ins Haus hinein gehen, da sagte ‘Abed-Be‘el Schamen: „Fast hätte ich es bei dieser Aufregung vergessen. Es ist ein Bote gekommen von deinem Onkel Archippos. Er lädt dich ein zu einem Festessen, das schon in drei Tagen stattfinden soll.“
„Das ist ja merkwürdig: So kurzfristig hat er noch nie eingeladen, meine ich.“
Vorbereitungen
Drei Tage darauf bereitete sich Thomas auf die Teilnahme am Fest vor. ‘Abed-Be‘el Schamen, der Haussklave, war gerade dabei, das mit Öl gefettete Gesicht seines Herrn mit einem scharfen Messer zu rasieren.
„Du hättest Folterknecht werden sollen, Abdij!“
„Wenn du aussehen willst wie ein Rhomaier, geht es nun einmal nicht anders. Aber ich kann nicht begreifen, daß du dir nicht wie alle anderen einen Bart wachsen läßt und daß du deine prächtigen schwarzen Locken so kurz trägst.“
„Ich will nicht so tun, als wäre ich ein Rhomaier. Mir gefällt diese Mode einfach.
„Wenn du mir diese Bemerkung erlaubst, dann möchte ich sagen, was die Leute zu der rhomaiischen Mode meinen: ,Ein Mann ohne Bart sieht nie ganz erwachsen aus.‘“
„Soll heißen: ,Ein Mann ohne Bart ist kein Mann.‘ – Laß die Leute reden, Abdij! Sag, hast du gute Oliven bekommen?“
„Ich denke, du wirst zufrieden sein, Herr.“
„Dann freue ich mich schon auf das morgige, nicht allzu frühe Frühstück.“
„So. Die Rasur ist fertig. Ich reibe dein Gesicht nur eben noch mit ein wenig Duftwasser ein.“ Während der Diener das Gesicht seines jungen Herrn parfumierte, fragte dieser ihn: „Und die Sänfte für den heutigen Abend hast du doch nicht etwa vergessen?“
„Selbstverständlich nicht!“
„Wo hast du die Sänfte denn bestellt?“
„Bei Demetrios.“
„Ach ja. Der verfügt eigentlich immer über ganz ausdauernde Träger, die auch einigermaßen im Gleichschritt gehen. – Dann reich mir ‘mal den Chiton dort!“
„Willst du denn einen Chiton unterziehen? Das sieht aber eigentümlich aus.“
„Mag sein. Na und?“
„Herr, in Chiton und Himation siehst du aus wie ein Armer im Winter, der keinen Schlechtwettermantel besitzt.“
„Das Himation werde ich ablegen, wenn ich bei Onkel Archippos angekommen bin. Dieses Manteltuch mögen andere repräsentativ finden; wenn ich heute Abend im Stehen essen soll, finde ich es schlicht unpraktisch.“
„Im Chiton willst du am Fest teilnehmen?“
„So ist es.“ Thomas lächelte. „Findet dieses Vorhaben nicht deine Billigung?“
„Aber was wird man denken? Es trägt doch jeder der Herren dort sein Himation! Dann siehst du aus wie ein – verzeih! – zu groß geratener Knabe, der noch kein Himation trägt, oder vielmehr wie ein Bediensteter des Hauses!“
„Mein Philosophielehrer in der Schule hat immer wieder betont: ,Auch bei den Sklaven handelt es sich im Grunde doch um eine Art von Menschen‘ – nicht wahr Abdij?“ Thomas lachte und klopfte seinem Haussklaven auf die Schulter. Der blickte betroffen zur Seite. „Tut mir leid, es war nicht so gemeint“, sagte Thomas begütigend zu ihm.
In diesem Augenblick klopfte es energisch an der Tür des Hauses. „Das wird die Sänfte sein.“ Thomas legte das weite, wollene Manteltuch an und schlüpfte in seine Sandalen, während sich der alte Diener langsamen Schrittes zur Haustür begab. Fertig bekleidet folgte Thomas ihm. ‘Abed-Be‘el Schamen sprach mit dem Führer der Sänftenträger. Als er Thomas‘ Schritte hinter sich vernahm, blickte er hinter sich. „Da kommt mein Herr“, sagte er dann zu seinem Gesprächspartner. Das war ein kräftiger, nicht mehr junger Mann; vielleicht hatte er früher selbst Sänften getragen, bis er eine eigene Mannschaft leiten durfte. Er hielt mit der Rechten einen langen, dünnen Stock, den er auf den Boden gesetzt hatte. Seinem energischen Gesichtsausdruck nach zu urteilen würde er auch davon Gebrauch machen, um die Sänfte durch jede Menschenansammlung hindurchzubringen.
„Zur Stadtvilla des Archippos!“, sagte Thomas im Vorbeigehen zu ihm. Er begab sich zur Sänfte. Sie war gebaut in der Art eines von einer Verkleidung umgebenen Stuhles. Fenster auf drei Seiten ermöglichten den Ausblick nach vorn wie zu den Seiten. Vier etwa Männer standen um die Sänfte herum; sie waren etwa gleich groß, was Thomas befriedigt zur Kenntnis nahm. Die vier Träger neigten zur Begrüßung den Kopf wie es ihr Führer getan hatte, als er Thomas an ihm vorübergegangen war. Thomas setzte sich in die Sänfte. Ihr Lederpolster war bequem, aber durch die zahlreichen Kunden, die es vor ihm getragen hatte, schon recht abgewetzt, an einigen Stellen sogar ein wenig brüchig. Thomas sah noch, wie die Träger Riemen an den Kanten der Sänfte befestigten, die von der einen Schulter zur gegenüberliegenden Hüfte reichten; als sie dann die an den Seiten der Sänfte nach vorn und hinten überstehenden Tragstangen ergriffen, zog er die Vorhänge zu.
Das Fest
Der Abend brach an. Es waren anscheinend nicht mehr überaus viele Menschen unterwegs, und so wurde es eine recht ruhige Fahrt. Endlich hielt die Sänfte, aber sie wurde noch nicht abgesetzt. Thomas schaute hinaus; da sah er das hohe Tor, durch das man in den Garten seines Onkels gelangte. Eine Mauer umgab die – für ein Stadthaus – erstaunlich weitläufige Grünanlage. Ihre Grundfläche war annähernd quadratisch. Der Seite mit dem Tor lag die mit Steinmetzarbeiten reichgeschmückte Front des Wohnhauses gegenüber. Dieses Gebäude bedeckte eine Grundfläche von etwa derselben Größe und Form wie der Garten.
Der Führer der Träger meldete dem Türhüter Thomas‘ Ankunft. Er öffnete das Tor, und die Sänfte wurde durch den von vielen Fackeln erleuchteten Garten hindurch zum Eingang des durch seine Größe und Pracht beeindruckenden Gebäudes gebracht, das Thomas‘ Onkel Archippos gehörte, der seit vielen Jahren zu den Reichen der Stadt gehörte und daraufhin auch einen Sitz im Rat Antiocheias bekommen hatte. Umgeben von einigen seiner Sklaven stand der Herr des Hauses auf der mit wenigen Stufen zur Tür der Villa emporführenden Freitreppe, um seine Gäste zu begrüßen. Die Sänfte hielt an, Thomas stieg aus und entließ die Träger. „Bis nachher!“, rief er ihnen im Fortgehen zu. Er stieg die Treppe empor, blieb aber auf der vorletzten Stufe stehen, um seinen Onkel nicht mit gesenktem Haupt begrüßen zu müssen. Der ging darauf ein und trat zwei Schritte vor. Dann umarmte Thomas – der Form halber – seinen Onkel und küßte ihn – ebenso wenig innig – auf die Wange.
„Sei gegrüßt, Onkel Archippos!“
„Sei auch du gegrüßt, Thomas!“, antwortete der Angesprochene mit tiefer Stimme, ein Mann um die Fünfzig, dessen Bauch sich weit vorwölbte. Er trug einen mit farbigen Bändern umwundenen Lorbeerkranz auf dem Kopf, der die wenigen, an den Seiten noch vorhandenen Haare fast verdeckte.
„Deine Einladung kam erst vor drei Tagen. Lag irgendein besonderer Grund vor?“
„Nein, eigentlich nicht. Weißt du, ich hatte schon seit längerem vor, an dem heutigen Tag ein Fest zu feiern. Es wäre ‘mal wieder an der Zeit, dachte ich. Doch dann fühlte ich mich einige Zeit gar nicht wohl; der Magen, weißt du. Naja, ich hatte den Plan, heute zu feiern, schon fast aufgegeben, da trat plötzlich eine Besserung ein. Ich habe da einen neuen Arzt; im aigyptischen Alexandreia ausgebildet; eine Kapazität. Natürlich nicht billig. Hervorragender Mann. Ist mir von meinem Freund Menelaos empfohlen worden. Der hat mir ein Kraut gegeben, das sofort Besserung bewirkte.“
„Wer? Menelaos?“, fragte Thomas nicht ganz ernsthaft. Sein Onkel schien die Ironie nicht zu bemerken und fuhr fort: „Nein, der Andronikos, der Arzt. Fühle mich wie neugeboren. Wenn du dir auch einmal etwas Gutes antun willst, mußt du ihn kommen lassen. Hat natürlich seinen Preis; ja ja, kostet ‘ne Ganze Menge. – So, dann hinein mit dir ins Getümmel. Ich muß hierbleiben, Gäste begrüßen. Amüsier dich gut!“
Nachdem Thomas seinem Onkel gedankt hatte für die Einladung, wandte sich um, dann ging er die Treppe hinab und in den erleuchteten Garten hinein.
Als erstes wollte er sich ein wenig umsehen. Es waren zahlreiche Tische aufgebaut, an denen Bedienstete Speisen an die Gäste ausgaben. Hier gab es kalte Gerichte wie Obst oder Süßigkeiten, dort wurde Fleisch frisch zubereitet. Thomas ließ sich von seiner Nase leiten: Der Duft von brutzelndem Braten führte ihn zu einer kleineren Ansammlung von Leuten. Die hatte sich um ein ganzes Schwein geschart, das an einem Spieß über offenem Feuer briet. Dem Geruch nach zu urteilen, mußte das Fleisch demnächst gegessen werden können.
Thomas spürte die Wärme, die von dem Feuer ausging. Er sah sich nach einem Sklaven um, dem er sein Himation übergeben konnte. Da kam einer heran. Er brachte den beiden Bediensteten, die das Schweinefleisch zubereiteten, Brotfladen, die zusammen mit dem Fleisch verteilt werden sollten. Thomas winkte ihn zu sich.
„Wenn du das Brot abgeliefert hast, komm einmal zu mir. Ich habe einen kleinen Auftrag für dich!“
Der Sklave verbeugte sich kaum wahrnehmbar und ging zum Feuer. Kurz darauf trat er zu Thomas. „Hast du auch saubere Hände?“, fragte der ihn. Der Sklave, der etwa in demselben Alter stand wie Thomas, zeigte sie vor. Thomas besah sie sich gar nicht. Er nahm das Himation ab und reichte es dem Sklaven. Dann entnahm er seiner Börse ein Geldstück: „Hier hast du ein As. Dafür bringst du mein Manteltuch zu der Demetrios-Sänfte, die auf ,Thomas‘ wartet. Verstanden? – Gut. Dann kommst du wieder her, packst etwas zu essen und zu trinken zusammen; das bringst du den Trägern!“
Der Sklave hatte sich kaum mit dem Himation entfernt, da tippte jemand mit dem Finger energisch auf Thomas‘ Schulter. Er blickte sich um und sah Lydia. Kennengelernt hatte er sie ein halbes Jahr zuvor während eines Festes im Hause seines Onkels Archippos. Lydia hatte sich immer wieder so in Thomas‘ Blickfeld gestellt, daß er meinte, nicht umhin zu kommen, sie anzusprechen.
„Grüß dich, Thomas!“
„Ah, du bist auch wieder dabei, Lydia!“, sagte Thomas und dachte: „Offensichtlich.“ Er mochte die einige Jahre Ältere, er mochte es aber noch lieber, wenn sie auf Armlänge Abstand von ihm hielt.
„Schön, dich wieder einmal zu sehen. Was treibst du denn so?`“
„Meinst du, hier auf dem Fest oder im allgemeinen?“
„Beides.“
„Naja, ich lebe z.Z. in der Hoffnung auf ein knuspriges Stück von dem Schwein da.“ Thomas wies in die Richtung des am Bratspieß sich langsam drehenden Fleisches. „Und wie geht es dir?“
„Ach, das Geschäft läuft ganz gut.“ Lydia besaß eine Kette von Garküchen und gehörte zu den wohlhabenden Bürgerinnen der Stadt. „Ich glaube, das Fleisch wird nun verteilt. Warte hier, ich bringe dir ein Stück mit!“ Energisch schob Lydia sich durch die Menge, und bald darauf tauchte sie mit zwei Portionen in Fladenbrot gewickelten, gewürzten und gesalzenen Schweinefleisches wieder auf.
„Hm, wirklich gut. So etwas solltest du vielleicht in das Angebot deiner Läden aufnehmen, Lydia.“ Thomas kaute genüßlich.
„Schwierig, das Fleisch muß frisch gebraten sein. Ich kann doch keine Lagerfeuer mitten in der Stadt anzünden lassen. – Sag ‘mal, hast du auch von dem Karawanenüberfall gehört?“
„Eine ganze Menge.“ Thomas erzählte ihr, was er von Timon erfahren hatte.
„Wenn der Fernhandel leidet, ist der Wohlstand aller Bürger gefährdet!“
„Ach Lydia, dein Geschäft wird wohl nicht so schnell bankrott gehen. Deine Gerichte werden doch kaum so viel Pfeffer brauchen, daß du unter dem Überfall zu leiden hättest.“
„So doch nicht! Nein, wenn die Fernhandel treibenden Kaufleute weniger Geld verdienen, geben sie weniger aus in der Stadt. Was sie einsparen, fehlt anderen als Verdienst. Die geben dann ihrerseits weniger aus. In dieser Weise wirkt es sich auf alle aus, und darum wird schließlich mancher auf sein Essen bei mir verzichten und alle Mahlzeiten zu Hause oder auf der Arbeitsstätte einnehmen.“
„Da kann man sehen, wie der Überfall auf eine einzige Karawane eine ganze Garküchenkette zugrunde richtet“, spottete Thomas.
„Nicht dieser eine; aber wer garantiert uns, daß sich solch ein Vorfall nicht wiederholt, wenn die Täter nicht gefaßt werden? Die Lage ist ernster, als du denkst.“
Thomas hatte seine Fleischportion verzehrt. „Ich säubere mir die Hände, bin gleich wieder da“, sagte er zu Lydia. Doch die hatte dasselbe vor und begleitete ihn.
„Und weißst du, was ich erfahren habe? In diesem Moment, wo wir uns unterhalten, findet bereits eine Krisensitzung statt, an der der Statthalter Syriens persönlich teilnimmt.“
„Korboul?“
„Derselbe! Du kommst nie im Leben darauf, wo die Sitzung stattfindet.“
„Im Rathaus an der Altstadt-Agora, nehme ich an.“
„Um alle Bürger zu beunruhigen? Nein, nicht in der Altstadt. Hier, im Hause deines Onkels haben sie sich versammmelt.“
„Das gibt‘s doch nicht!“ Thomas wußte nicht, ob er Lydia Glauben schenken sollte. „Warum denn das?“
„Ich darf es dir nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitteilen: Es ist eine geheime Sitzung, an der auch der parthische Botschafter teilnimmt.“
„Was der Antiocheianer unter dem Siegel der Verschwiegenheit erfährt, das erzählt er auch nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit weiter.“
Lydia ging nicht auf diese Bemerkung ein. So fuhr Thomas fort: „Ich weiß nur, daß wegen des Streites um Armenien ständig ein Krieg zwischen dem Imperium und den Parthern droht, aber daß die einen Botschafter hierher entsandt haben, höre ich zum ersten Mal.“
„Der ist nicht jetzt hierher gekommen, er ist ständig in der Stadt, natürlich nicht offiziell. Korboulo wird versuchen herauszubekommen, ob die Parther oder sonstwer hinter dem Überfall steckt.“
„Und warum im Hause meines Onkels?“
„Nun, man brauchte einen Rahmen, um sich unauffällig versammeln zu können. Dein Onkel gehört dem Rat der Satdt an. Nun, man wird ihn gebeten haben, kurzfristig ein Fest zu veranstalten, um sich in seinem Hause beraten zu können.“
„Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß du recht hast.“
„Wollen wir wetten? Versuch doch einfach, ins Haus vorzudringen! Man wird dich kaum hinein lassen.“
„Dem Neffen des Gastgebers wird man den Eintritt kaum verwehren. – Was gewinne ich denn bei der Wette?“
„Ein Essen, nicht in einer meiner Garküchen, sondern bei mir zu Hause; ein Essen zu zweit. – Und was gewinne ich, wenn du scheiterst?“
„Ich werde nicht scheitern!“ Thomas wandte sich von Lydia ab und ging durch den Garten auf das Haus seines Onkels Archippos zu. Dabei überlegte er, ob er die Wette – angesichts des erwarteten Gewinnes – nicht besser verlieren sollte. Andererseits würde er sich gedemütigt fühlen, wenn er vorgäbe, der Zutritt zum Hause seines Onkels sei ihm nicht möglich gewesen.
In solche Gedanken versunken trat Thomas auf das Haus zu. Sein Onkel stand nicht auf der Treppe. Offenbar wurde kein Gast mehr erwartet. Thomas stieg die Stufen empor. Er trat auf die Plattform und glaubte die Wette bereits gewonnen. Als er sich aber der hohen, breiten Tür des Hauses näherte, traten ihm zwei junge Männer, offenbar Bedienstete des Hauses, ihm entgegen.
„Du wünschst?“, fragte ihn der eine.
„Ich wünsche, das Haus zu betreten,“ antwortete er selbsicher vor sich hinlächelnd.
„Die Latrinen befinden sich im Garten.“
„Gut zu wissen. Ich werde es mir merken. Ihretwegen bin ich aber nicht hierhergekommen.“
„Willst du zu deiner Herrschft?“
Thomas war sprachlos. Wie konnte man ihn nur für einen Sklaven halten! Er war so verblüfft, daß er noch nicht einmal Wut in sich aufsteigen spürte; jedenfalls noch nicht. Er stand mit halb geöffnetem Mund dar.
„Willst du vielleicht zu deiner Herrschaft? Hält sie sich hier im Haus auf?“ Immer noch sprach derselbe junge Mann zu ihm, während der andere stumm dabei stand.
Da fiel Thomas plötzlich seine außergewöhnlich Garderobe ein. Er trug an diesem Abend nicht, wie all die anderen eingeladenen Herren, ein Himation; das hatte er ja abgelegt. Wie die beiden Sklaven vor ihm war er lediglich mit einem Chiton bekleidet. „Nein“, stotterte Thomas. Dann wandte er sich um und ging die Treppe hinab.
Wieder im Garten angekommen murmelte er vor sich hin: „So etwas ist mir noch nicht passiert. Das kann doch nicht wahr sein! Ein Sklave.“
„Habe ich meine Wette also gewonnen.“ Lydia strahlte ihn an. „Ich habe beobachtet, wie du versucht hast, ins Haus zu gelangen.“
In Thomas regte sich Widerspruch. „Die Wette hast du überhaupt nicht gewonnen. Es war nicht ausgemacht, daß ich nur einen Versuch hätte.“ Thomas überlegte fieberhaft, was er tun könnte, um ins Haus zu gelangen. Plötzlich hatte er eine Idee. „Zweiter Anlauf!“, sagte er zu Lydia, drehte sich um und ging an mehreren Tischen vorüber, auf denen verschiedene Speisen und Getränke standen. Dann blieb er stehen. Von einem Sklaven ließ er sich eine kleine Schüssel mit entkernten Datteln reichen. Danach trat Thomas wieder auf das Haus zu. Er stieg die Treppe empor. Die beiden Sklaven traten auf ihn zu wie beim vorigen Mal.
„Das hatte ich vergessen.“ Thomas zeigte den beiden die Schüssel. „Deshalb war ich vorhin so verwirrt. Ich darf doch nicht mit leeren Händen vor meinen Herrn treten, wenn der mich beauftragt hat, ihm frische Datteln zu besorgen.“
„Schlägt er?“, fragte der Sklave der bei der vorherigen Begegnung kein Wort gesprochen hatte.
„Nicht oft.“ Thomas sah halb zur Seite gewandt auf den Boden. Er log äußerst ungern. Man konnte seine Haltung aber auch als Reaktion auf eine unangenehme Frage deuten.
„Dann geh nur rasch hinein!“, antwortete der, der ihm die Frage gestellt hatte.
Im Haus des Archippos
Die beiden Sklaven gaben den Weg frei, und Thomas betrat das Haus seines Onkels. Da fiel ihm Lydia ein, die die Szene sicherlich beobachtet hatte. „Da hat sie doch recht gehabt“, dachte Thomas. „Es muß tatsächlich eine Sitzung oder etwas Ähnliches im Hause stattfinden; sonst würde man doch nicht den Zutritt verwehren.“
Thomas dachte an frühere Gartenfeste seines Onkels, an denen er teilgenommen hatte. Der Vater hatte ihm – ohne jegliche Erklärung – stets verboten, das Haus zu betreten, denn er wußte natürlich, daß sich während des Festes immer wieder Pärchen dorthin zurückzogen. Thomas hatte dies herausgefunden, nachdem sein Vater verstorben und er das erste Mal allein einer Einladung gefolgt war.
An diesem Abend war es ganz anders. Im Hause herrschte Stille. Einige kleine Öllampen auf Mauervorsprüngen erleuchteten den Gang, den Thomas hinunterging. In ihrem flackernden Licht schienen sich die auf die Wände gemalten Reigentänzerinnen im Tanz zu bewegen. Zwischen den einzelnen Bildabschnitten gab es links wie rechts immer wieder Türvorhänge; manche waren zurückgezogen. Keines der Zimmer, in die Thomas hineinsehen konnte, war beleuchtet. Nirgends ein Mensch.
Thomas blieb stehen und überlegte. „Was soll ich nun tun? Umkehren? – Ach, was! Wenn ich schon einmal ins Haus vorgedrungen bin, dann will ich auch wissen, ob Lydia wirklich recht hat. Ob Korboulo tatsächlich hier im Hause ist?“
Thomas schritt langsam voran. „Die Tür wird doch gewiß bewacht sein. Wie verhalte ich mich? Am besten ganz natürlich: Ich bin ein Sklave und soll dem Statthalter eine Erfrischung bringen. – Oh, oh, wenn nur mein Onkel nicht dort ist! Es wäre mir zu peinlich.“ Von dieser Befürchtung ein wenig gehemmt näherte Thomas sich nur langsam dem Türvorhang zum Salon des Hauses. Dort endete der lange, gerade Gang, den Thomas betreten hatte, nachdem ihn die zwei Sklaven am Haupteingang des Hauses hatten passieren lassen.
Erst kurz bevor Thomas den Türvorhang des Salons erreichte, bemerkte er, daß links und rechts je zwei Männer standen. Sie traten auf ihn zu. Thomas dachte sich, daß es sich wohl um Soldaten handele; sie trugen zwar keine Rüstung, aber ihre Haltung erschien ihm militärisch. – Thomas dachte an die Paraden von Truppen, die aus Armenien zurückkehrten.
„Halt!“ Nicht überaus laut, aber dennoch durchdringend und energisch klang die Stimme des einen Mannes, der sich Thomas von links näherte.
„Eine Erfrischung für den Statthalter. Mit besten Grüßen vom Ratsherren Archippos.“ Thomas‘ Stimme klang unsicher als er antwortete. Es war ihm, als verklebe ihm etwas die Kehle.
Thomas hielt die Schale mit Datteln dem entgegen, der ihn angesprochen hatte. Der roch an den Früchten, dann fuhr er auch noch mit den Fingern zwischen ihnen hindurch. Danach tastete er rasch und mit geübten Griffen Thomas ab, sogar in seine Haare griff er.
„Gut. – Kann passieren.“ Die letzten Worte hatte der Mann zu den drei anderen gesprochen. Sie gingen zurück an ihren Platz zu beiden Seiten des Türvorhangs.
Thomas setzte zaghaft einen Fuß vor den anderen. Dann schlug er mit der Rechten den Vorhang zurück, während er die Schale mit der Linken krampfhaft festhielt. „Wenn nur der Onkel nicht hier ist…“ Thomas blickte in einen hell erleuchteten Raum, wagte aber gar nicht sich umzusehen. Vorsichtig schritt er voran, doch niemand sprach ihn an. „Offenbar ist Onkel Archippos bei den Gästen draußen. Dem Himmel sei Dank!“
Thomas erreicht die Mitte des geräumigen Salons, ohne daß irgendjemand Notiz von ihm nahm. In kleinen Gruppen standen Männer beisammen, die sich leise unterhielten. Leere Speisesofas standen an jeder Wand; nur eines war besetzt. Es war nach vorn gerückt. Thomas ging direkt auf den Mann zu, der darauf lag. Er hatte dünnes, graues Haar, nach rhomaiischer Weise geschnitten; einen Bart trug er nicht. Die Haut seines Gesichtes sah lederartig aus, tiefbraun und fest. Thomas erkannte den Liegenden: Es war der syrische Statthalter Korboulo. Noch nie hatte Thomas ihn aus so geringer Entfernung gesehen. Wenn Korboulo in einer Halle an der großen Agora das Richteramt ausübte, war Thomas stets nur einer von zahlreichen Zuschauern gewesen.
„Eine Erfrischung für den Statthalter.“ Thomas versuchte so etwas wie eine Verbeugung zu machen und streckte die Hände mit der Schale vor. „Und ob die Herren sonst noch etwas benötigen.“
Der Statthalter
„Ich bin mir nicht bewußt, einen Sklaven aufgefordert zu haben, das Wort an mich zu richten.“ Fast tonlos klangen die Worte des Statthalters. Seine Stimme war drang dennoch in Thomas Inneres ein, und ihm war, als würde sie ihn zerschneiden. Eine Aura von Macht und Gewalt umgab Korboulo. Thomas wußte, daß er als bedeutendster Stratege des Imperiums galt. Sicherlich darum hatte der Kaiser ihn auch im vergangenen Jahr nicht nur zum syrischen Statthalter ernannt, sondern zudem noch mit besonderen Vollmachten ausgestattet. Es drohte Krieg auszubrechen zwischen dem Imperium und dem Reich der Parther, weil beide Seiten versuchten, Armenien zu kontrollieren. Ein Krieg zwischen Rhom und den Parthern drohte, den gesamten Orient in Brand zu setzen.
Thomas rührte sich nicht. Er stand gebückt vor Korboulo, der ihn jetzt gar nicht mehr wahrzunehmen schien. Thomas dachte an das, was er über Korboulo gehört hatte. Seine Soldaten schätzten ihn wohl wegen der militärischen Erfolge, aber sie fürchteten ihn auch, manchmal sogar mehr als den Feind. Wenn eine Truppe in dem Ruf stand, undiszipliniert zu sein, brachte Korboulo sie mit einer nahezu unmenschlichen Härte wieder zur Ordnung zurück. Todesurteil folgte auf Todesurteil. Bei Gewaltmärschen wurde keinerlei Rücksicht auf diejenigen genommen, die das Tempo irgendwann nicht weiter durchhalten konnten. Ohne jegliches Verfahren wurden sie wegen Befehlsverweigerung am Wegesrand eilig hingerichtet.
Thomas wartete noch immer auf ein Wort des Statthalters. Allmählich spürte Thomas einen ziehenden Schmerz in seinen Beinen. Die Situation schien ihm grotesk. Er brauchte sich nur zu erheben, Korboulo ins Gesicht zu lachen und sich vorzustellen. Aber welch ein Skandal drohte dann. Vor seinem Onkel durfte er dann sicherlich nie wieder erscheinen. Würde Thomas nicht zum Gespött der gesamten Stadt werden? Ein Herr, der in seiner Freizeit den Sklaven spielt? Während der Saturnalien taten die Rhomaier dies zwar auch, aber nicht an irgendeinem anderen Tage und schon gar nicht heimlich.
Der Schmerz kroch aus Thomas‘ Beinen hinauf in den Rücken. Von Korboulo war nichts zu hören. Thomas roch nur dessen Parfüm; er hätte solch süßlichen Duft nie für sich gewählt. Vor seinem inneren Auge sah er Korboulo: Zwei Augen in einem gebräunten Gesicht, die ihn gar wahrzunehmen schienen, eine ein wenig fleischige Nase über einem kleinen Mund; die leise, tonlose Stimme. Wie anders hatte Thomas den Statthalter als Richter erlebt! Da hatte er laut gesprochen, für alle Zuhörer vernehmbar, mit einer Stimme, die öfters umschlug; ja, wie ein Jüngling im Stimmbruch. Zwar besaß er eine schlanke Gestalt, das graue Haar aber machte sein fortgeschrittenes Lebensalter deutlich sichtbar – und dazu die sich überschlagende Stimme! Thomas hätte diesen Gegensatz möglicherweise belächelt, wenn sein Körper nicht von ziehendem Schmerz erfüllt gewesen wäre; auch seine Arme waren mittlerweile so furchtbar schwer geworden.
„Schluß mit diesem Theater!“, dachte Thomas. „Warum höre ich nicht auf? – Aber Korboulo muß jetzt doch etwas sagen. Er kann nicht mehr warten. – Das ist doch nicht auszuhalten! Wenn ich diese verfluchten Datteln abgegeben habe, dann nichts wie fort von hier. – Nun sprich endlich, du Daimon von einem Statthalter! Warum sagst du nichts? Ich halte es gleich nicht mehr aus!“ Thomas spürte die Schale, die er in Händen hielt, gar nicht mehr. Schweiß rann an seinem Körper herab.
Dann begann Thomas zu zittern. Er kämpfte dagegen an; vergeblich. Bald zitterte er am ganzen Leibe. Was für ein lächerliches Bild er wohl abgab! Thomas wäre am liebsten im Erdboden versunken. Sicherlich blickten alle im Saal jetzt auf ihn. Wenn Thomas sich erhob, sich zu erkennen gab, würde keiner der Honoratioren sein Gesicht vergessen. Mit Fingern würden sie auf der Agora auf ihn weisen.
Aber selbst diese Vorstellung verlor für Thomas immer mehr von ihrer Schrecklichkeit, je qualvoller seine gebückte Haltung für ihn wurde. „Also los! Jetzt erhebe ich mich. Schaffe ich es überhaupt noch, mich aufzurichten? Ich nenne meinen Namen. – Wie wird Korboulo wohl darauf reagieren?“ Thomas überlegte. Er dachte daran, wie der Statthalter mit seinen Soldaten umging. Ein Menschenleben galt ihm nichts. Nun hatte Thomas es gewagt, in eine geheime Sitzung einzudringen. Was würde Korboulo daraufhin tun? Am Ende würde er argwöhnen, Thomas habe irgendwelche vertraulichen Informationen ausspionieren wollen. „Um Himmels willen! Wenn ein so grausamer Machthaber wie Korboulo auch nur den leisesten Verdacht hegt dann wird er kaum davon abzuhalten sein, mich foltern zu lassen; immerhin habe ich nicht das rhomaiische Bürgerrecht. – Ach, das ist Unsinn! Ich bin ein angesehener Bürger der Stadt! Mir wird man nichts anhaben. Mein Onkel wird für mich eintreten. – Bist du so naiv zu glauben, daß Korboulo dir Schonung gewährt, wenn er die Möglichkeit sieht, mit Hilfe von Folter der Aufklärung des Karawanenüberfalles vielleicht ein Stück näher zu kommen? – Wie kann man nur einen anderen Menschen um einer Nichtigkeit willen so quälen!“
Thomas spürte einzelne Körperteile gar nicht mehr, nur noch einen dumpfen, alles erfüllenden Schmerz. Er sah keinen Ausweg aus der Situation. Nach und nach erlahmte sein Denken. Er hatte sich ergeben.
Da spürte er etwas. Mit einem Ruck wurde ihm die Schale entrissen, die er noch immer gehalten hatte. Thomas wurde dadurch nach vorn gezogen und fiel zur Erde.
„Sag deinem Herren, daß ich ihm danke! Wenn wir etwas wünschen, sende ich ihm einen meiner Männer. – Und wenn du so etwas wie eine Religion hast, dann danke deinen Göttern, daß nicht ich dein Herr bin. Ab!“ Thomas wagte es nicht, Korboulo anzusehen. Es gelang ihm kaum, sich so weit aufzurichten, daß er sich hinauszuschleppen vermochte.
Thomas torkelte durch den Türvorhang des Saales, er bemerkte die davor postierten Wachen überhaupt nicht. Dann stolperte er den langen Gang ein Stück weit hinunter. Schließlich ließ er sich einfach zu Boden sinken.
Als sein Körper nur noch mäßig schmerzte, erhob sich Thomas. Er blickte den Gang hinunter in Richtung des Ausganges. Dann sah er eine Türöffnung zu seiner Linken. Thomas griff nach einem Öllämpchen, das in seiner Nähe auf einem Mauervorsprung stand. Er leuchtete in den Raum zu seiner Linken hinein. – Gewiß, Thomas hätte das Haus seines Onkels jetzt unbehelligt verlassen können. Eben das zu tun, hatte er auch vorgehabt, als er sich erhob. Doch dann dachte er daran, daß sich ihm wahrscheinlich nie wieder eine solche Gelegenheit bieten würde, das weitläufige Haus ungestört anzusehen.
Der Raum, in den Thomas nun hineinsah, enthielt keinerlei Möblierung. Er diente als Stiegenhaus. Eine Treppe führte von hier aus ins Obergeschoß. Thomas ging unter ihr hindurch, wandte sich nach rechts und betrat die unterste Stufe. Er zögerte. Würde er oben nicht vielleicht doch auf irgendjemanden treffen? Nein, das ganze Haus war leer. Nur die Sitzung mit diesem unsäglichen … Statthalter im Salon und die Wachen davor. Thomas biß sich vor Wut auf die Unterlippe, als er an Korboulo dachte.
Im Obergeschoß angekommen leuchtete Thomas umher. Er befand sich in einem Saal. An den Wänden waren lauter Statuetten aufgestellt. Thomas meinte eine Aphrodite zu erkennen. „Eine solche habe ich doch schon in einem Laden an der Agora gesehen. Es war, glaube ich, die Kopie einer Figur, die in irgendeinem berühmten Aphroditetempel steht. Vielleicht handelt es sich hier um lauter Nachbildungen von Meisterwerken. So etwas aufzustellen, würde jedenfalls zu Onkel Archippos passen. Am liebsten hätte er natürlich die Originale.“
Der Saal hatte vier Türöffnungen, in jeder Wand eine. Thomas durchschritt, ohne zu überlegen, die ihm nächste. Er betrat einen Gang, der jenem im Erdgeschoß glich. Thomas betrachtete die Bilder an den Wänden. Sie gefielen ihm nicht sonderlich. Er sah Männer, die in allen nur erdenklichen Stellungen einander beglückten. Dazwischen hüpften Satyrn umher. „Naja, über Fragen des Geschmacks läßt sich nicht streiten“, murmelte Thomas vor sich hin.
Ein Wegweiser in Form eines überdimensionierten Phallus auf einem pfeilförmigen Schild wies in einen Raum zur Linken. Thomas schaute hinein, indem er sich fragte, was dort wohl zu erwarten sei, denn er kannte derartiges nur aus der Straßenwerbung für Bordelle. Zu seiner Überraschung fand er dem Wegweiser folgend nichts weiter als ein kleines, leeres Zimmer vor. Lediglich einige Polster lagen am Boden.
Thomas wunderte sich. Wenn das Zeichen des Phallus diesen Raum bezeichnete, dann mußte es doch eine besondere Bewandtnis mit ihm haben. Thomas überlegte, welche dies sein könnte, aber er gelangte zu keinem Ergebnis. Er legte sich auf eines der Polster und hörte leise Stimmen. Thomas erschrak. Sollten doch Leute in der Nähe sein? Er horchte. Die Stimmen schienen aus dem Raum unter ihm heraufzudringen.
Thomas wollte sich nun neben das Polster legen, um mit dem Ohr am Boden besser hören zu können, aber eine Unebenheit drückte ihn schmerzhaft in die Schulter. Thomas nahm das Öllämpchen, das er am Eingang des Zimmers abgestellt hatte und beleuchtete die Unebenheit. Es handelte sich um einen kleinen Ring aus Metall. Thomas steckte seinen Zeigefinger hinein und zog. Der Ring gab nach. Er war an einer etwas mehr als handtellergroßen, massiven Platte befestigt, die nun vom Boden entfernt wurde. Zwei helle Löcher erschienen. Der Abstand zwischen ihnen entsprach ungefähr dem zwischen den beiden Augen im Gesicht eines ausgewachsenen Menschen; sogar an eine Mulde für die Nase war vorhanden. Thomas begriff. Er sah durch die Löcher hindurch in den Salon.
Dort unten lag der Statthalter, dessen Anblick Thomas kaum zu ertragen vermochte. In einem Halbrund waren jetzt lauter Speisesofas aufgestellt, und auf ihnen hatten die Männer Platz genommen, die Thomas bei seinem Eintritt in den Salon in Gruppen stehen gesehen hatte. Einer von ihnen redete zu den anderen. Thomas konnte allerdings kaum verstehen, was er sagte. Darum wandte er den Kopf und legte sein Ohr auf eines der Gucklöcher. Nun verstand Thomas leidlich, was unten gesprochen wurde.
„…und darum wiederhole ich: Die phoinikische Kaufmannschaft der Stadt ist äußerst besorgt und verspricht dem Statthalter alle nur erdenkliche Hilfe, um dieses schreckliche Verbrechen aufzuklären.“
Beifälliges Gemurmel war nach dem Ende der Rede zu hören. Dann sprach einer, dessen Stimme sich gelegentlich überschlug. Das war niemand anderes als Korboulo! Thomas sprang auf. Er schüttelte die Fäuste und schnaufte. Wie gern hätte er aufgeschrien! Wie gern wäre er diesem Hund, der ihn so erniedrigt hatte, an die Gurgel gegangen! – Nur allmählich beruhigte Thomas sich wieder. Er hätte es aber nicht über sich bringen könne, Korboulo anzuschauen. Zuhören, das war eher möglich; diese lächerliche Stimme, ein Greis im Stimmbruch!
Thomas legte sein Ohr erneut auf eines der beiden Gucklöcher. Er hörte wie der Statthalter von einem Mann namens Mitranes sprach. Dann war eine andere Stimme zu vernehmen.
„Edler Statthalter! Gewiß will ich euch antworten. Doch bedenkt, daß ich nichts weiter als ein einfacher Kaufmann bin. Zwar entstamme ich dem Land zwischen den beiden Strömen, doch habe ich dort kein Amt inne.“
Es herrschte für eine kurze Weile Stille. Dann sprach Korboulo erneut: „Natürlich seid ihr offiziell ein Kaufmann aus dem Parthischen, inoffiziell aber Botschafter in unserer Stadt. Mitranes, wir sind hier ganz unter uns. Du kennst all diese Kaufleute, und sie kennen dich und deinen Status. Lassen wir alle Förmlichkeit! – Du weißt, daß das Imperium nicht auf Krieg mit dem Reich der Parther aus ist. Die armenische Frage wollen wir anders lösen. – Wie verhält es sich mit dem Überfall auf die Gewürzkarawane? Ist dir irgendetwas bekannt, das wir nicht wissen? – Ich frage sehr direkt, mir liegen die diplomatischen Eiertänze nicht.“
Thomas hörte den Parther in elegantem Griechisch antworteten: „Edler Statthalter! Ebensowenig wie euer verehrungswürdiger Augustus Claudius Drusus Germanicus Nero wünscht Großkönig Vologeses einen Krieg. Die armenische Frage wird sich lösen lassen, selbst wenn es auf dieses Reich begrenzt immer wieder zu militärischen Konflikten kommt.“
„Wie verhält es sich nun mit dem Überfall?“
„Großkönig Vologeses wünscht keine Störung des Handels in Syrien. Jede Beeinträchtigung – insbesondere des Fernhandels – würde sich ungünstig auf die Ausfuhr von Waren aus den parthischen Landen auswirken. Nichts läge ferner, als Überfälle auf Handelskarawanen in deiner Provinz zu unternehmen.“
Thomas schaute sich den parthischen Botschafter an. Er trug ein knielanges, grünes Gewand und darunter Beinkleider. Gelocktes, von Öl glänzendes Haar umgab das Haupt in Fülle, ein kunstvoll gekräuselter Bart reichte bis auf die Brust. Thomas meinte, die Parfümierung des Parthers sei so stark, daß er sie rieche.
Dann hörte Thomas wieder dem zu, was gesprochen wurde.
„Erlaubt, daß ich mich jetzt zurückziehe!“
„Gewiß. Centurio!“ Schweigen. Dann: „Das Oberhaupt der parthischen Kaufleute in der Stadt möchte aufbrechen. Geleite den edlen Mitranes zu seiner Sänfte!“
Eine Weile war es still. Dann war wieder der Statthalter zu hören. „Syrien. Syrien! Meine Provinz! Provinz? Ein Sauhaufe ist das. Im vergangenen Jahr bin ich hierhergekommen. Gleich darauf legt ein Erdbeben Laodikeia in Schutt und Asche. Und kein Schwein ist bereit, einen anständigen Beitrag zum Wiederaufbau zu leisten! Ich rede nur von den syrischen Städten. – Wie steht es denn mit euren Hilfsgeldern? Die lumpigen Sesterzen, die ihr mir habt zukommen lassen, wozu soll ich die denn benutzen? Vielleicht, um eine öffentliche Latrine in Laodikeia wieder aufrichten zu lassen! – Seeräuber vor der Küste, lauter Piratenschiffe und kein Geld, eine anständige Flotte auszurüsten. Ja, glotzt nur! Eure Ware wollt ihr auf dem Seeweg sicher nach Westen transportieren, aber zahlen wollt ihr nichts dafür. – Daß aber dann auch noch vor meiner Nase eine Gewürzkarawane überfallen wird, das ist zuviel, das bringt das Faß zum Überlaufen. Mit euren Worten seid ihr ja bereit zu helfen; ihr seid noch schneller dabei zu fordern. Aber wie sieht es denn mit euren Taten aus? Es ist doch nichts, nichts, nichts, was von euch kommt, das Syrien wirklich hilft, wieder zu geordneten Zuständen zurückzufinden! Ihr Dünnmänner, raus mit euch! – Centurio!“
Thomas sah in den Salon hinein. Alle Männer drängten zum Ausgang, während Korboulo mit verschränkten Armen mitten im Raum stand. Schließlich waren alle verschwunden. Der Zorn des Statthalters hatte sich jedoch anscheinend noch nicht gelegt. Er begann durch den Raum zu gehen, schmiß ein Speisesofa mit dem Fuß um, dann machte er kehrt, ging in umgekehrter Richtung und schrie so laut, daß Thomas gar nicht sein Ohr an das Guckloch zu halten brauchte, um Korboulo zu verstehen.
„Festus[ in Iudaea ist verläßlich; wenigstens der. Aber sonst? Alles verludert unter meinen Vorgängern! Wie sieht‘s denn z.B. in Koile-Syrien aus? Man weiß ja gar nicht mehr, ob Damaskus überhaupt noch zum Imperium gehört! Bostra gewährt uns gnädig Einlaß, wenn wir sehr darum bitten. Ja, wo sind wir denn! Was hat sich denn hier für eine Haltung breit gemacht? Und mir sind die Hände gebunden, solange der Parther Armenien bedroht. Aber warte nur, Saidu bar Kalbu[, warte nur! Für Armenien finden wir eine Lösung, und wenn ich dann noch im Amt sein sollte, dann werde ich mit dir Schlitten fahren. Soll dein König in Petra doch seine Intrigen spinnen, soll er doch schmieren soviel er will, ich steige dir doch auf‘s Dach!“
Thomas kam der Gedanke, daß die Hausbewohner bald zurückkehren könnten. Die Sitzung mit dem Statthalters war ja beendet. Möglicherweise würde er Archippos‘ Haus bald verlassen. Damit man ihn dann nicht finde, setzte Thomas die Platte mit dem Ring an ihren Platz zurück, dann begab er sich rasch ins Erdgeschoß zurück, er stellte das Öllämpchen wieder an seinen Platz und ging zum Ausgang. Die beiden Sklaven ließen ihn ungehindert passieren. Thomas drückte sich so rasch an ihnen vorbei, daß sie den vermeintlichen Sklaven Korboulos noch nicht einmal ansprachen.


